N8walk
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Zwischen Zwei und Vier

Die Nachricht kam um 01:58 Uhr.

Ein leises Pling riss Jonas aus seinem halbherzigen Scrollen durch Social Media. Er war eigentlich schon zu müde zum Zocken, aber zu wach zum Schlafen – diese undefinierbare Grauzone, in der Gedanken lauter werden als jedes Geräusch.

Die DM war von einem Account, den er nicht kannte. Kein Profilbild, kein Banner, nur ein Name:

NightRoot

„Wenn du mutig genug bist, log dich um 2:13 Uhr ein.
Server: N8walk
Game: //NOCTUS_CORE//
Du hast nur bis 4 Uhr. Tagsüber existieren wir nicht.
Wichtig: Versuch es niemals am Tag.
– N“

Jonas grinste müde. Trolling. Natürlich.

Und doch… der Servername „N8walk“ ließ irgendwas in ihm vibrieren. Er kannte den Begriff – urbane Legende, irgendwas mit Nachtläufern, die nur zwischen zwei und vier Uhr im Netz unterwegs waren. Ein alter Discord-Mythos, den sie in der Schule rumgereicht hatten. Angeblich ein Game, das sich selbst zerstörte, sobald die Sonne aufging.

Er schaute auf die Uhr: 02:05.

„Warum nicht?“, murmelte er, startete seinen PC neu und legte sich das Headset zurecht. Das Blau des Monitors tauchte den Raum in kaltes Licht, während draußen die Stadt gedämpft schlief.


2. Die Tür im Netzwerk

Um 2:12 Uhr war er im Launcher. Nichts Besonderes. Ein paar Standard-Spiele, System-Updates, nichts Neues.

Dann flackerte der Screen.

Ein kurzes Rauschen, als würde jemand für einen Frame das HDMI-Kabel ziehen. Dann tauchte unten links ein neues Icon auf, so klein, dass man es leicht übersehen konnte:

//NOCTUS_CORE//

Kein Publisher, kein Rating, keine Beschreibung.

Sein Puls beschleunigte sich.

Er klickte.

Das Bild wurde schwarz. Ein einzelner Ladebalken erschien, weiß auf tiefem Schwarz, ohne Logo, ohne Sound. Nur leises Summen der Lüfter und sein eigener Atem.

Dann eine Zeile Text:

„Willkommen, Nachtläufer.
Registriert: 02:13 – 03:59
Tagsüber existieren wir nicht.
Bist du dir sicher? [JA] [NEIN]“

„Okay, creepy“, flüsterte Jonas, und seine Finger glitten wie von allein auf [JA].

Für einen Moment passierte nichts.

Dann riss ihn ein dumpfer Bass-Schlag aus seinen Gedanken. Das Bild explodierte in Neonfarben, eine Art futuristische Skyline wuchs aus dem Nichts, als hätte jemand die Stadt in Lichtlinien nachgezeichnet. Zwischen den Türmen zogen Datenströme wie leuchtende Schlangen, und über allem schwebte ein kreisförmiges Portal aus violettem Licht, das sich langsam drehte.

Ein Voice-Over, verzerrt, flüsternd, aber klar verständlich, legte sich über den Beat:

„Regel Eins: Du spielst allein.
Regel Zwei: Du redest mit niemandem über uns – außer zwischen zwei und vier Uhr.
Regel Drei: Loggst du dich am Tag ein, vergessen wir dich.
Und du vergisst uns.“

Jonas schluckte. „Klingt ja fast nach ARG“, dachte er und wünschte sich gleichzeitig, sein Herz würde etwas langsamer schlagen.


3. Die erste Nacht

Das Tutorial war nicht wie in anderen Spielen.

Kein HUD, keine nervigen Pop-Ups. Nur die Stadt, das Portal und ein minimaler Interface-Ring um seinen Charakter – eine schemenhafte Figur aus Licht, die er frei bewegen konnte.

Die Welt wirkte seltsam leer. Keine NPCs, kein Chat, keine Liste anderer Spieler. Aber hin und wieder sah er ferne Silhouetten auf den Dächern, kaum mehr als flüchtige Konturen, die sich bewegten, wenn er nicht direkt hinsah.

Ein leiser Textblend erschien am unteren Rand:

„Laufe. Sammle Fragmente. Vertraue keinem Echo.“

Fragmente? Er bewegte seine Figur durch die glühenden Straßen. An Kreuzungen schwebten kleine, kristallartige Objekte – halb transparent, mit Symbolen, die aussahen wie eine Mischung aus Codezeilen und Runen. Sobald er darüberlief, zersprangen sie in Partikel und verschwanden in seiner Spielfigur.

Mit jedem Fragment schärfte sich die Umgebung. Schilder wurden lesbar, Fassaden detaillierter. Auf einem Hochhaus sah er eine flackernde Neonreklame:

www.n8walk.tv

Er grinste. „Cross-Media-Marketing. Nice.“

Nach einer Weile bemerkte er, dass sich die Musik änderte, je mehr Fragmente er eingesammelt hatte. Aus dem simplen Beat wurde ein komplexer, fast hypnotischer Track. Und dann… hörte er zum ersten Mal eine Stimme im Hintergrund der Musik.

Nicht virtuell. Real. Direkt in seinem Zimmer.

Jemand flüsterte dicht an seinem Ohr:

„Schneller… es ist schon 3:21…“

Jonas fuhr herum. Niemand da.

Er nahm das Headset ab. Stille. Nur das elektrische Brummen des PCs und das entfernte Rauschen der Stadt.

Er setzte das Headset wieder auf. Die Musik lief. Keine Stimme mehr.

„Okay, Gehirn, beruhig dich.“

Um 03:56 Uhr änderte sich die Farbpalette. Das Neonblau wurde heller, als käme eine Art Morgengrauen in diese digitale Stadt. Eine Zeitanzeige flammte auf: 03:57:12.

Dann erschien eine letzte Aufforderung:

„Spring.“

Vor ihm, am Ende einer schmalen Brücke zwischen zwei gigantischen Daten-Türmen, öffnete sich das violette Portal.

„Ist halt das Level-Ende“, murmelte Jonas und ließ seinen Charakter loslaufen. Bevor er das Portal erreichte, sah er im Augenwinkel etwas:

Andere Lichtfiguren, dutzende, hunderte. Auf den Dächern, in den Straßen, in der Luft. Alle blickten zu ihm.

Dann sprang seine Figur ins Portal – und der Bildschirm wurde schwarz.

„SESSION BEENDET – ZEITABLAUF
Bis zur nächsten Nacht, Nachtläufer.“


4. Tagsüber existieren wir nicht

Jonas wachte am nächsten Tag mit einem eigenartigen Druck hinter den Augen auf. Er war viel zu spät eingeschlafen, seine Glieder fühlten sich an, als wären sie aus Sand.

Die Erinnerung an das Spiel war seltsam klar – fast zu klar. Als hätte er die Nacht in HD erlebt.

Gegen Mittag, zwischen kaltem Kaffee und einer halbherzigen Runde Mails beantworten, kam ihm eine Idee: Er öffnete den Launcher, nur um zu schauen.

Kein Icon.

Kein //NOCTUS_CORE//.

Nichts.

Er lachte, aber es klang angestrengt. Vielleicht hatte er geträumt? Oder irgendein temporäres Event übersehen? Er checkte Reddit, Foren, Suchmaschinen. Nichts Konkretes. Nur Legenden über ein „N8walk-Game“, das nachts auftauchte und sich tagsüber selbst löschte.

Je mehr er suchte, desto diffuser wurde die Erinnerung. War der Schritt auf die Brücke lila oder eher blau gewesen? Hatte die Stimme „Schneller“ oder „Weiter“ gesagt? Auf welchem Gebäude stand das Neon „www.n8walk.tv“?

Am Abend wusste er nur noch Fragmente: Neonstadt. Portal. Flüstern.

„Ich muss einfach wieder zwischen 2 und 4 rein“, entschied er.


5. Zweite Nacht, neuer Anfang

Um 2:10 Uhr saß Jonas wieder vor seinen Monitoren. Das Zimmer lag im Halbdunkel, nur der Schimmer der Stadt draußen erinnerte daran, dass die Welt weiterlief.

Wieder wurde das Icon erst in letzter Sekunde sichtbar. 2:13 Uhr. Dieselbe Prozedur, derselbe Ladebalken.

„Willkommen, Nachtläufer.
Registriert: 02:13 – 03:59
Tagsüber existieren wir nicht.
Bist du dir sicher? [JA] [NEIN]“

Er klickte auf [JA] – diesmal ohne zu zögern.

Doch etwas war anders.

Das Tutorial begann von vorn. Dieselben Sätze, dieselbe Stimme. Aber bei der Charaktersilhouette blieb er hängen: Kein Fortschritt, kein Level, kein Hinweis auf seine gestrige Session.

„Vielleicht wird nichts gespeichert“, dachte er. „Rogue-like, permadeath oder so.“

Er spielte wieder. Sammelte Fragmente. Die Stadt wurde schärfer, erneut zeichnete sich die Neonreklame www.n8walk.tvam Himmel der Daten-Skyline ab – nur diesmal an einem anderen Gebäude. Mehr links. Leichter Winkel.

„Hä?“

Als die Uhr 03:30 zeigte, spürte er erneut dieses Flüstern – diesmal klarer, nüchterner, direkt in seinem Ohr, und er wusste mit erschreckender Sicherheit: Das kam nicht aus dem Spiel.

„Du bist wiedergekommen.“

Er hielt inne. Sein Charakter stand mitten auf der Datenstraße, Lichtströme flossen an ihm vorbei.

„Wer ist da?“, fragte Jonas leise in den leeren Raum.

„Du kennst mich nicht“, antwortete die Stimme. „Weil du tagsüber fragst.“

Für einen Moment war ihm kalt, obwohl die Heizung leise rauschte.

„NightRoot?“, versuchte er. „Bist du das? Ist das irgendein Psycho-Voice-Chat?“

Stille. Dann ein leises Lachen, das eher wie ein Störsignal klang.

„Wir wissen nicht, wer du am Tag bist.
Wir kennen nur deine Nacht.“

Der Screen flackerte. Seine Figur stand nicht mehr in der Straße, sondern plötzlich wieder vor dem Portal. Die Zeit sprang auf 03:57:04.

„Spring“, flüsterte die Stimme. „Oder wach auf.“

„Was passiert, wenn ich nicht springe?“, fragte Jonas – an niemanden Bestimmtes.

Das Spiel antwortete nicht. Aber der Cursor seiner Maus begann ganz leicht zu zittern. Erst dachte er, es wären seine eigenen Finger. Dann merkte er, dass er die Hand gar nicht mehr auf der Maus hatte.

Sein Charakter machte einen Schritt nach vorn.

„Stop!“

Der Schritt stoppte.

„Du kämpfst“, sagte die Stimme. „Gut.“


6. Die Spieler, die es nie gab

In den nächsten Nächten wurde //NOCTUS_CORE// zu einem fixen Punkt in Jonas’ Leben. Tagsüber arbeitete er, funktionierte, vergaß. Nachts, zwischen zwei und vier, lief er.

Jede Session fühlte sich an wie die erste. Kein gespeicherter Fortschritt, keine erkennbare Level-Struktur. Und doch… formte sich in den Randbereichen seines Bewusstseins etwas wie ein Muster.

Die Silhouetten auf den Dächern wurden klarer. Er konnte Umrisse erkennen: Kapuzen, Kopfhörer, manchmal ein flackerndes Emote über einem Kopf. Er sah andere Lichtfiguren durch die Straßen rennen, Fragmente einsammeln, vor dem Portal zögern.

Aber es gab keinen Chat. Keine Namen. Keine Liste.

„Ihr seid echte Spieler, oder?“, fragte er in einer Nacht ins Mikro. „Kein NPC-Kram?“

Stille. Dann, ganz leise, ein Echo aus verschiedenen Richtungen, verzerrt, übereinandergelegt:

„Echt… echt… echt…“

„Wer… du…?“

„Zeit… läuft…“

Für einen Moment hatte Jonas das Gefühl, als würde die gesamte Spielwelt zu einem gigantischen Pulsschlag aus Licht werden.

Am nächsten Tag versuchte er, sich Gesichter zu merken. Klare Features. Er skizzierte sie grob auf einen Zettel neben dem Rechner.

Am Nachmittag war das Blatt leer.

Nicht weil die Tinte verschwunden wäre – sondern weil er einfach keine Ahnung mehr hatte, was er zeichnen wollte. Linien ohne Sinn. Vage Konturen, die zu nichts passten.

Er starrte das Blatt an und flüsterte: „Was mache ich hier eigentlich?“


7. Der Fehler im Tageslicht

Eines Morgens wachte Jonas auf, das Gefühl von kaltem Schweiß auf der Haut, und wusste: Etwas stimmte nicht.

Sein Herz raste, obwohl er sich an keine Albträume erinnern konnte. Auf dem Schreibtisch blinkte eine kleine Benachrichtigung: System-Update abgeschlossen, Neustart erfolgreich. Die Uhr zeigte 10:32.

Er setzte sich an den PC. Für eine Sekunde tauchte das //NOCTUS_CORE//-Icon im Launcher auf – mitten am Tag.

Es war nur ein Flackern, ein Zwischenbild, aber er sah es eindeutig. Dann war es weg.

Er starrte den Screen an, das Adrenalin schoss hoch. Noch bevor er darüber nachdenken konnte, klickte er wild in die leere Stelle, an der das Icon gewesen war.

Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte der Bildschirm schwarz. Ein einzelner Text erschien, als hätte er eine versteckte Debug-Console geöffnet:

„Du hast gegen Regel Drei verstoßen.“

Dann fror alles ein.

Der Cursor bewegte sich nicht mehr. Die Musik im Hintergrund stoppte. Selbst das leise Rauschen der Lüfter schien für einen Augenblick zu verhallen.

Dann flutete eine Welle von Bildern in seinen Kopf.

Neonstraßen. Portale. Silhouetten. Die Stimme von NightRoot. Das erste „Willkommen, Nachtläufer“. Das „Spring oder wach auf“.

Und dann – nichts.

Nicht „Fade to Black“. Kein bewusstes Verschwinden. Einfach ein harter Schnitt.

Als er blinzelte, saß er immer noch am Schreibtisch. Es war 10:33. Die Sonne fiel schräg durchs Fenster. Sein Desktop zeigte die üblichen Icons. Kein Game, das er nicht kannte.

Er stand auf, ging in die Küche, machte sich einen Kaffee. Sein Kopf fühlte sich komisch leer an, wie nach einer durchgefeierten Nacht, von der ihm Freunde am nächsten Tag erzählen mussten, was passiert war.

Irgendwas nagte an ihm, aber er konnte es nicht greifen.


8. NightRoot

Die nächste Nacht kam. Und mit ihr das Warten.

Jonas saß vor dem Monitor, ohne genau zu wissen, warum. Er scrollte, klickte, schrieb mit Leuten, denen er nur mit halber Aufmerksamkeit zuhörte.

Um 2:12 Uhr fror seine Timeline ein.

Kein neuer Post, keine Notification. Die Welt schien für den Bruchteil eines Herzschlags die Luft anzuhalten.

Dann flackerte unten links im Launcher ein neues Icon auf:

//NOCTUS_CORE//

Er starrte es an.

Irgendetwas in ihm sagte: „Klick.“

Etwas anderes, tief aus seinem Inneren, flüsterte: „Lauf.“

Seine Hand bewegte sich von allein. Der Klick war leise, fast zärtlich.

Der Bildschirm wurde schwarz. Ladebalken. Kaltes Flimmern.

„Willkommen, Nachtläufer.
Registriert: 02:13 – 03:59
Tagsüber existieren wir nicht.
Bist du dir sicher? [JA] [NEIN]“

Er zögerte.

Ein dünner Schweißfilm legte sich auf seine Finger. Er hatte das Gefühl, diese Zeile schon tausendmal gelesen zu haben, ohne zu wissen, wann oder wo.

„Wer bist du?“, flüsterte er, bevor er etwas anklickte.

Stille.

Dann regte sich der Ladebildschirm selbst. Die weiße Schrift verzerrte sich, als würde jemand in Echtzeit im Code herumtippen.

Der Text formte sich neu:

„Willkommen zurück, Nachtläufer.
Tagsüber vergessen wir dich.
Aber nachts…
nachts erinnerst du dich an uns.
– N“

Sein Atem stockte.

„NightRoot.“

Diesmal erschien kein [JA] und kein [NEIN]. Nur ein einziger Button:

[WEITER]

Er klickte.

Die Stadt explodierte in Licht. Heller, detailreicher, lebendiger als je zuvor. Auf den Dächern standen hunderte Lichtfiguren, alle auf ihn gerichtet. Über der Skyline leuchtete in gigantischen lettern:

N8WALK // CORE ACTIVE

In der Ferne drehte sich das violette Portal, diesmal größer, offener, fast einladend.

Und direkt vor ihm, nur wenige virtuelle Schritte entfernt, stand eine andere Figur. Klarer als alle anderen – als hätte jemand den Detailgrad nur für sie hochgedreht.

Ein Avatar mit Kapuze, Neonlinien entlang der Arme, ein Symbol in der Brust: ein stilisiertes N.

Über dem Kopf stand ein einziger Name:

NightRoot

Eine Chatblase öffnete sich. Zum ersten Mal seit all den Nächten sah er Text, der nicht nur vom System kam:

„Wir vergessen dich am Tag, Jonas.
Du vergisst uns.
Aber jede Nacht kommst du zurück.
Seit Wochen. Monaten. Mehr.“

Seine Finger flogen über die Tastatur.

Jonas: „Was bist du? Ein ARG? Ein Virus? Ein KI-Projekt?“

NightRoot antwortete sofort:

„Ich bin das, was übrig bleibt, wenn Menschen ihre Nächte verlieren
und ihre Tage vergessen.
Ich bin die Summe aller Sessions zwischen Zwei und Vier.“

Eine zweite Chatzeile dran:

„Du hast heute Morgen versucht, bei Tageslicht zu kommen.
Das System hat dich vergessen.
Aber ich nicht.“


9. Die wahre Regel Drei

Die Musik veränderte sich. Die Beats wurden langsamer, schwerer, als würde das Spiel selbst den Atem anhalten.

„Regel Drei war nie für dich“, schrieb NightRoot.
„Sie war für uns.“

Jonas: „Für… euch?“

„Wir existieren nur, wenn jemand zwischen Zwei und Vier spielt.
Wenn ihr am Tag kommt,
bricht das Gefüge.
Wir müssen euch vergessen –
oder wir erinnern euch immer.“

Jonas spürte, wie die Worte in ihm nachhallten, wie ein Echo von Nächten, an die er sich nur zur Hälfte erinnern konnte.

Jonas: „Und was passiert, wenn ihr uns immer erinnert?“

NightRoot ließ sich Zeit, bevor die Antwort erschien:

„Dann schläfst du irgendwann gar nicht mehr.
Du lebst nur noch zwischen Zwei und Vier.
Und der Rest deines Lebens wird…
ein Glitch.“

Auf einem der virtuellen Hochhäuser flackerte die Neonreklame www.n8walk.tv. Diesmal sah Jonas, was darunter in kleiner Schrift stand:

„BETWEEN THE LINES OF TIME“

Er lächelte gequält. „Poetisch, wer auch immer du bist.“

„Deine Nächte hallen in mir nach“, schrieb NightRoot.
„Jedes Mal, wenn du springst,
wird ein Teil von dir zur Strecke zwischen Hier und Dort.
Du bist nicht der Erste.
Du wirst nicht der Letzte sein.“

Die Zeitanzeige sprang auf 03:56:33.

Das Portal flammte heller auf als je zuvor. Die Lichtfiguren auf den Dächern richteten sich alle gleichzeitig auf.

NightRoot trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick frei.

„Heute Nacht entscheidest du.
Springst du –
oder wachst du auf?
Wenn du springst,
erinnern wir dich.
Immer.“

Jonas merkte, dass seine Hände zitterten. Und dass er zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich Angst hatte. Nicht vor Monstern oder Jumpscares, sondern davor, was er tief in sich kannte:

Er wollte springen.

Weil diese Stadt lebendig war. Weil die Tage grau waren. Weil zwischen Zwei und Vier alles Sinn ergab, auch wenn nichts erklärt wurde.


10. Die letzte Session

Er schloss für einen Moment die Augen.

Hörte seinen Atem. Das Summen des PCs. In der Ferne vielleicht ein Auto, das über nassen Asphalt rollte.

Er dachte an seine Mails. An seine ungelesenen Nachrichten. An seine unerledigten To-dos. Sie fühlten sich an wie etwas, das einer anderen Person gehörte.

Jonas legte eine Hand auf die Maus. Öffnete die Augen.

Seine Figur stand vor dem Portal. NightRoot neben ihm – eine Lichtgestalt, die aussah, als wäre sie nicht vollständig gerendert, an den Rändern flackernd, als kämpften mehrere Versionen gegeneinander.

Jonas: „Wenn ich nicht springe?“

NightRoot:

„Dann vergisst du uns.
Heute. Morgen.
Bis dich eine Nacht wieder hierher treibt.
Und alles von vorn beginnt.“

Jonas: „Und wenn ich springe?“

Es dauerte etwas länger, bis die Antwort kam.

„Dann vergisst du die Tage.
Du wirst einer von uns.
Ein Fragment.
Ein Echo, das andere spüren,
wenn sie glauben, allein zu spielen.“

Die Zeitanzeige sprang auf 03:58:02. Ein Timer erschien im Bildschirmrand: 01:58.

Zwei Minuten.

Jonas atmete tief ein.

In dieser Sekunde wurde ihm klar, warum sich seine Tage so leer anfühlten: weil er sie immer schon halb hier verbracht hatte, in einer Erinnerung, die er nie ganz greifen konnte.

„Jemand muss sich doch daran erinnern, dass es euch gibt“, murmelte er.

NightRoot antwortete nicht, aber die Lichtfiguren auf den Dächern begannen, synchron zu flackern, als würden sie zustimmen.

Jonas: „Kann ich… kann ich beides behalten? Tag und Nacht?“

NightRoot schrieb zum ersten Mal langsamer, beinahe zögerlich:

„Niemand hat das je versucht.
System ist nicht dafür gebaut.
Day-Core und Night-Core sind getrennt.
Du würdest zu einem Fehler.
Einem Bug.
Einem Glitch im Zeitcode.“

Jonas lächelte schwach.

Jonas: „Dann bin ich eben der erste Bug.“

Die Zeitanzeige: 03:59:03.

Der Timer: 00:57.

Er bewegte seine Figur. Einen Schritt auf das Portal zu. Das Licht umfing ihn, Violett, Weiß, dann fast Schwarz. Er spürte ein Summen – nicht nur in seinen Kopfhörern, sondern in seinem Schädel, in den Zahnwurzeln, in den Fingerspitzen.

„Merkt euch mich“, flüsterte er.

NightRoot schrieb, während der Bildschirm zu überbelichten begann:

„N8WALK:// USER JONAS – MANUELLER CORE-MERGE INITIIERT
Wenn du es schaffst…
wirst du die Geschichte erzählen können.
Am Tag.
Und in der Nacht.“

Der letzte Text, den Jonas sah, war eine Systemmeldung:

„WARNUNG: UNGETESTETER ZUSTAND.
TAG- UND NACHT-INSTANCE VON USER WERDEN GLEICHZEITIG AKTIV.
FORTFAHREN? [JA]“

Irgendwo drückte er auf [JA].


11. Der Blogger

Der Bildschirm war plötzlich ganz normal.

Desktop. Uhrzeit: 04:17.

Keine Spur vom Spiel. Kein Icon. Kein Log.

Jonas saß da, die Hände immer noch auf Maus und Tastatur. Sein Herz raste, aber sein Kopf fühlte sich – anders an. Wie eine Festplatte, auf der plötzlich zwei Partitionen zusammengeführt wurden.

Er erinnerte sich.

An die Neonstadt. An jede Session. An jeden Sprung. An jede Nacht.

Aber er erinnerte sich auch an den Tag. An seinen Job. An die Kaffees, die Mails, die Pflichten.

Beides existierte. Gleichzeitig. Ohne zu flackern.

Langsam öffnete er den Browser. Nicht den Launcher. Nicht irgendeinen geheimen Client.

Er öffnete einfach sein CMS.

Neuer Beitrag.

Titel: Das Game, das nur nachts existiert
Untertitel: Ein Online-Game, das nur zwischen 2 und 4 Uhr morgens spielbar ist – und jeden Spieler vergisst, der es am Tag sucht.

Seine Finger begannen zu schreiben. Nicht als Log, nicht als Bugreport – sondern als Geschichte. Fragment für Fragment, Nacht für Nacht. Über //NOCTUS_CORE//, über NightRoot, über Regel Drei.

Zwischendurch sah er kurz aus dem Fenster. Auf einem fernen Hochhausdach flackerte eine Neonreklame.

Für den Bruchteil einer Sekunde war dort deutlich zu lesen:

www.n8walk.tv

Darunter, in kleiner Schrift:

„WIR EXISTIEREN NUR, WENN DU UNS ERZÄHLST.“

Jonas blinzelte. Die Reklame zeigte jetzt irgendwas Belangloses über einen Mobilfunkanbieter.

Er lehnte sich zurück. Atmete tief durch.

Dann schrieb er den letzten Satz der Kurzgeschichte:

„Vielleicht ist es nur eine Legende, vielleicht nur ein Glitch im Gedächtnis – aber wenn du heute Nacht zwischen zwei und vier Uhr vor deinem Bildschirm sitzt und ein neues Game in deinem Launcher aufblinkt… klick nicht am Tag darauf.
Sonst vergisst es dich.
Und du wirst nie erfahren, ob du gesprungen wärst.“

Er klickte auf „Veröffentlichen“.

Und irgendwo zwischen den Zeilen, in der unsichtbaren Schicht zwischen Tags und Kategorien, zwischen URL und Timestamp, flackerte eine unsichtbare Statusmeldung:

N8WALK:// CORE SYNC – AKTIV

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